|
Das Ehrenmal am Fliegeberg
Dem Fliegeberg in Lichterfelde drohte
nach dem Tod von Otto Lilienthal zunächst ein ähnliches Schicksal
wie dem Haus in der Boothstraße. Niemand kümmerte sich in den
Jahren nach dem Unglück um diese Wirkungsstätte Lilienthals.
Unkraut wucherte auf dem kargen Sandboden, der Flugzeugschuppen
drohte zu verfallen.
1897 stellte die Ziegelei ihre
Produktion ein. Der Bauverein verkaufte einen Teil des Areals an die
Schwanitz-Gummifabrik. Einsickerndes Grundwasser machte aus der
stillgelegten Tongrube einen Teich, den der Direktor des Bauvereins,
Oscar Otto, bald darauf zur Karpfenzucht nutzte.
Um 1900 ließ er das dem Unternehmen
verbliebene Areal zu einem Parkgelände herrichten. Das ehemalige
Wohnhaus der Ziegeleiarbeiter wurde um 1906 zum Restaurant und galt
lange Zeit als sehr beliebtes Ausflugslokal in Lichterfelde. Der
Fliegeberg erhielt eine Steintreppe, Lilienthals Schuppen auf der
Spitze wurde durch eine Aussichtshütte ersetzt.
Zu den Todestagen veranstalteten hier
Freunde, Flugpioniere und Flugvereine kleine Gedenkfeiern. Direktor
Otto hatte zur Erinnerung an Otto Lilienthal eine einfache Holztafel
anbringen lassen:
"Von diesem Berge unternahm im
Jahre 1894 der am 9. August 1896 in den Rhinower Bergen
verunglückte Begründer der modernen Flugtechnik Herr Otto
Lilienthal aus Groß-Lichterfelde seine ersten Flugversuche. Ehre
seinem Andenken."

Lilienthals Flugversuche 1894
- Was so nicht ganz richtig war, denn
die ersten Flugversuche hatte Lilienthal nicht 1894 in Lichterfelde,
sondern schon 1891 in Derwitz unternommen.
Das Restaurant wurde 1910 um die
doppelte Grundfläche erweitert und hieß fortan "Wirtshaus zum
Karpfenteich". Nach dem 1. Weltkrieg stand der Bauverein vor
dem Konkurs. Er besaß noch 10 Hektar Land, das dann in zwei Teilen
verkauft wurde: 15 Morgen erwarb die Nationale
Automobilgesellschaft, die das Gelände parzellierte und bebauen
ließ. Den Rest, die Parkanlage mit Karpfenteich, Fliegeberg und
Restaurant, übernahm 1921 der Gastronom von Paulsborn, August
Schultz. Zunächst bewirtschaftete sein Sohn Julius das Restaurant
am Karpfenteich; der Vater betrieb mit dem zweiten Sohn Carl noch
bis 1928 das Restaurant Paulsborn.

Karpfenteich 1917
In den 20er Jahren, nach der
Eingemeindung der Berliner Vororte, wollte der Magistrat von
Groß-Berlin am Fliegeberg ein Ehrenmal errichten. Die Anregung dazu
kam von der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt (WGL) und
dem Verband Deutscher Ingenieure (VDI). Nach Plänen des Münchner
Architekten Mossner sollte dort für rund 1,8 Mio. Mark eine große
Anlage mit Luftfahrtmuseum, Fliegerehrenhain und Ehrenhalle auf dem
Fliegeberg entstehen. Doch dazu mußte zunächst das Gelände
erworben werden.
Schultz hatte in seinem Restaurant
inzwischen selbst ein kleines Lilienthal-Museum eingerichtet. Viele
Erinnerungsstücke, Fotos, Modelle, Zeichnungen und zwei von Hans
Richter nachgebaute Flugapparate waren in seinem Besitz. Einen
Gleiter hatte er in der Aussichtshütte auf dem Fliegeberg
aufgehängt (und so der Witterung preisgegeben), der andere hing im
"Weintempel" des Restaurants "Zum Karpfenteich".
Um Museum und Existenz zu retten,
verweigerte er den Verkauf des Areals. Erst als die Stadt mit
Enteignung drohte, willigte er ein: 1927 verkauft Schultz für
185.000 Mark und einen Pachtvertrag für die nächsten 15 Jahre.
Die Einrichtung einer würdigen
Gedenkstätte kam aber nicht recht voran. Viele Jahre lang hatte
sich die vom Luftschiffkonstrukteur Professor Johann Schütte
geleitete WGL um den Ausbau des Geländes bemüht. 1928 zog die
Stadt ihre finanziellen Zusagen zurück, das Projekt drohte zu
scheitern. Schütte legte neue Pläne vor, strich das
Luftfahrtmuseum und den Ehrenhain, die Ehrenhalle auf dem Gipfel
fiel nun bescheidener aus.
Neuer Kostenanschlag: 300.000 Mark.
Immer noch zu viel, um ohne Hilfe der Stadt finanziert zu werden.
Schütte verfaßte einen Spendenaufruf:
"Es gilt, den Lilienthal-Hügel
am Karpfenteich in Lichterfelde-Ost bei Berlin als historische
Stätte von Weltruf, die als Ausgangspunkt für den Menschenflug und
für die Flugtechnik zu betrachten ist, für dieses Denkmal zu
gewinnen." Ganze 27.000 Mark kamen im darauffolgenden Jahr
zusammen; an die Realisierung der Pläne war nicht mehr zu denken.
Fritz Freymüller, Steglitzer
Baustadtrat, rettete dann die Gestaltung des Ehrenmals. Er legte
Pläne vor, die die Umgestaltung des Geländes mit den vorhandenen
Mitteln gestatteten. Freymüller war in Steglitz kein Unbekannter.
Nach seinen Entwürfen hatte man hier schon viele öffentliche
Gebäude und Plätze gestaltet: u.a. die heutige
Beethoven-Oberschule in der Barbarastraße, den Bernkastler Platz
mit dem Rundbau (Jugendfreizeitheim "Theodor Fontane"),
die Siemensvilla in der Gärtnerstraße oder das Lichterfelder
Stadion.
Das Gelände am Fliegeberg befand
sich inzwischen in recht desolatem Zustand: Das alte Ehrenmal, der
schlichte hölzerne Pavillon, war allmählich vermodert, die Treppe
teilweise gebrochen und der Hügel völlig verwildert. Dem Gleiter
unter dem offenen Dach hatte die Witterung arg zugesetzt, die
Breuersche Lilienthal-Büste, 1911 am Fuß der Treppe enthüllt, war
stark beschädigt.
Anfang Mai 1932 begann man dann, den
Hügel abzuholzen und mit einer Rosendecke zu versehen. Der Berg
wurde terrassenförmig abgestuft, eine neue Treppe angelegt. Die
morsche Hütte auf dem Gipfel zerfiel fast von selbst, die Reste des
vermoderten Gleiters deponierte man in einem Schuppen des
Restaurants. Auf dem Berg entstand das neue Ehrenmal: eine runde
Säulenhalle mit ringförmigem Dach, auf einem 70 Zentner schweren
Basaltblock eine acht Zentner schwere silberfarbene Kugel aus
wetterbeständiger Nickel-Zink-Kupfer-Legierung, Admiro-Metall
genannt. Auf dieser Kugel waren die Erdteile und die in der
Geschichte der Luftfahrt bedeutenden Fluglinien eingraviert.

Feierliche Einweihung des Ehrenmals
am 10. August 1932. Ein Bläserkorps spielte, Prof. Dr. Schütte
hielt vor vielen Ehrengästen die Festansprache. Während des
Festaktes kreisten hoch über der Gedächtnisstätte Flugzeuge, im
Garten des Karpfenteich-Restaurants wurde eine von Olaf Lemke
geschaffene Bronze-Büste Lilienthals enthüllt und am 1. Dezember
1933 am Eingang zum Fliegeberg aufgestellt.
Die Ehrung Lilienthals fand in der
Öffentlichkeit große Zustimmung, über die künstlerische
Gestaltung der Anlage waren die Meinungen geteilt: Von einem
würdigen Ehrenmal sprachen die einen, von einem "abgeleckten
Kegel, auf dem eine abgeschmackte Großtuerei steht", das
Berliner 8-Uhr-Abendblatt. Der Steglitzer Anzeiger schrieb am
25.5.1932: "Wenn man auch die Schwierigkeit in Erwägung zieht,
die darin bestanden hat, mit verhältnismäßig geringen Mitteln die
Umgestaltung dieser Gedenkstätte zu bewerkstelligen, so kann man
nicht umhin, festzustellen, daß Phantasie ja nichts kostet und
diese der Anlage hauptsächlich fehlt."

Gedenkstätte 1933
Der 2. Weltkrieg ließ auch die
Gedenkstätte nicht unbeschädigt: Die Weltkugel war zum
Einschmelzen abgeholt worden, das Kupferdach demoliert und die
metallenen Buchstaben am Basaltblock herausgebrochen. Die bronzene
Büste hatte Carl Schultz während des Krieges vor dem Einschmelzen
versteckt; sie steht heute vor der Lichterfelder
Lilienthal-Oberschule.
Die beiden Gleiter fanden sich nach
dem Krieg wieder an. Der aus der Aussichtshütte war aber inzwischen
soweit zerfallen, daß eine Reparatur nicht mehr möglich erschien.
Der Apparat aus dem "Weintempel" hatte die Zeit besser
überstanden. 1948 wurde er, notdürftig geflickt, zum 100.
Geburtstag Lilienthals ausgestellt, später der Lilienthal-Schule
übergeben und dort von Schülern aufs Sorgfältigste restauriert.
Die Gedenkstätte und Anlage am
Karpfenteich konnte erst in den Jahren 1955/56 im "Berliner
Notstandsprogramm" mit den damals vorhandenen Mitteln
hergerichtet werden. Der eingeschmolzene Globus wurde durch eine
steinerne Nachbildung ersetzt. 1990, im Jahr vor dem Jubiläum
"100 Jahre Menschenflug", ließ das Steglitzer Bezirksamt
die Anlage für rund 120.000,--DM restaurieren; der steinerne Globus
wurde nun endlich wieder durch eine Bronze-Kugel ersetzt. 500 kg
schwer, 1,4 Meter Durchmesser, ein Abdruck der alten Betonkugel. Vom
Original von 1932 sind weder Gußformen noch Modelle erhalten
geblieben, die auf dem Original eingravierten weltumspannenden
Fluglinien konnten deshalb nicht rekonstruiert werden.

Das Museum der Weltluftfahrt um
Lichterfelder Fliegeberg
1961 wurde am Lichterfelder
Fliegeberg eine traditionelle Einrichtung wieder eröffnet: Ein
Museum zur Geschichte der Luftfahrt. Schon in den zwanziger Jahren
hatte der Pächter des Restaurants "Zum Karpfenteich" eine
kleine Lilienthal-Sammlung zusammengetragen, von der dann aber nach
dem Krieg und nach Auflösung des Pachtvertrages nichts mehr
vorhanden war.
Am 23. Mai 1967 - es war Lilienthals
119. Geburtstag - eröffnete die Deutsche Luftfahrt-Sammlung e.V.
unter dem etwas zu groß geratenen Namen "Museum der
Weltluftfahrt" die vergrößerte Ausstellung im ehemaligen
Vereinssaal des Restaurants, das man nun "Café-Restaurant zur
Lilienthal-Gedenkstätte" nannte und von berufener Hand führen
ließ: Wirtin war die ehemalige Gastronomin des alten Staakener
Flugplatzes.
Ausstellungsfläche standen dem neuen
Museum der Weltluftfahrt zur Verfügung. Archiv und Bibliothek der
Sammlung waren erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Clou der
Ausstellung: eine Münzsammlung mit Luftfahrtmotiven, Leihgabe der
Gräfin Brandenstein, einer Tochter des Grafen Zeppelin.
Natürlich wurde Lilienthal an diesem
historischen Ort besonders geehrt. Der von Beylich nachgebaute
Gleiter hing unter der Saaldecke, zahlreiche Modelle, Fotos und
Zeichnungen berichteten von Lilienthals Flugversuchen.

Paul Beylich mit Gleiter
In den ersten Jahren war die
Ausstellung gut besucht; Restaurant, Fliegeberg und Karpfenteich
waren - nicht nur im Sommer - beliebte Ausflugsziele der Berliner,
das Museum lockte auch bei schlechtem Wetter. Anfang der 70er Jahre
änderte sich das: Der Besucherstrom wurde dünner, die Einnahmen
geringer, die Pächter des Restaurants wechselten in schneller
Folge. Am 16. Oktober 1972 gab der letzte von sieben Gastronomen
seit 1961 auf; am 7. November 1972 brach in den Gasträumen ein
Brand aus - an eine Neuvermietung und Wiedereröffnung war nun nicht
mehr zu denken. Wieder ein Grund weniger für den
Sonntag-Nachmittag-Ausflug zum Lichterfelder Fliegeberg.
Finanzstadtrat Storch verwies auf
seine Verpflichtung zum redlichen Umgang mit den Steuergeldern der
Bürger und darauf, daß über 30.000,-- DM allein in den letzten 4
Jahren zur Substanzerhaltung des Gebäudes investiert worden seien -
bei einer Miete von nach wie vor 78 Pfennig pro Quadratmeter:
"Nun sollen wir auf die Mieteinnahmen ganz verzichten und den
Unterhalt des Gebäudes aus den "10-Marks Kassen" des
Museums bestreiten!" Da wäre der Regen wohl nicht mehr lange
in der Dachrinne geblieben.
Im Dezember 1974 boten die Steglitzer
Schreurs Verein eine auf DM 230,- reduzierte Miete, die Übernahme
der Heizungskosten und aller baulichen Maßnahmen an - rückwirkend
zum 1. Mai 1974.
Schreurs war das zu wenig; am 1.
Januar 1975 schloß die Deutsche Luftfahrt-Sammlung das Museum. Die
Bestände wurden zunächst in einer Baracke auf dem Tempelhofer
Flughafen eingelagert.
Es war geplant, die Ausstellung auf
der Galerie der Tempelhofer Flughafenhalle zu zeigen. Nach der
Fertigstellung des Flughafens Tegel sollte die Sammlung dann dort
ausgestellt werden. Doch auch mit der Berliner
Flughafen-Gesellschaft konnte Schreurs keine Einigung erzielen. Im
Februar 1976 wurde die Sammlung, die zu einem Teil aus Leihgaben
bestand, aufgelöst; den größeren Teil der Bestände übergab die
Deutsche Luftfahrt-Sammlung e.V. dem Deutschen Museum in München.

Heute verläuft westlich der
Lilienthal-Gedenkstätte in Würdigung der Verdienste von Johann
Schütte und Karl Lanz die Schütte-Lanz-Straße.
Schütte,
Johann (geb. 26.02.1873 Oldenburg)
(gest. 10.05.1940 Berlin)
Ingenieur. Schütte war zunächst Schiffbauingenieur und Professor
in Danzig und an der Technischen Hochschule Berlin. Seine
Erfahrungen und Studien über das Verhalten von Schiffen bei hoher
Geschwindigkeit und entsprechender Form nutzte er beim Bau von
Luftschiffen. Mit Karl Lanz gründete er 1909 die Gesellschaft
"Luftschiffbau Schütte-Lanz" in Mannheim. Wesentliche
Besonderheiten der SL.-Luftschiffe wurden vom Grafen Zeppelin
übernommen.
Lanz, Karl (geb. 18.05 1873 Mannheim)
(gest. 18.08.1921 Mannheim)
Lanz studierte an der Technischen Hochschule Berlin Maschinenbau und
übernahm 1909 die väterliche Fabrik für Landmaschinenbau. Sein
besonderes Interesse galt zugleich der Entwicklung der Flugtechnik
und des Motorbootbaus in Deutschland. Auch der Graf Zeppelin
gehörte zu den von der Familie Lanz geförderten Flugpionieren. Die
1909 zusammen mit Johann Schütte gegründete Firma
"Luftschiffbau Schütte-Lanz" schuf nach den Plänen
Schüttes das 3. deutsche Luftschiff-System neben Zeppelin und
Parseval und baute bis 1920 22 Luftschiffe.
|